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Die Erinnerung sehen

Den Text für diesen Blog schwirrt mir schon seit einer Woche im Kopf herum. Ich arbeite im Moment an einer neuen Website, die noch etwas auf sich warten lassen muss da ich alle meine Landschaftsbilder nochmals überarbeite. Seit letztem Herbst habe ich gemerkt, dass ich mit meinen Bildern nicht so richtig glücklich bin. Wie ich gemerkt habe lag es vor allem an der Bearbeitung die mich viel zum Nachdenken brachte und schlussendlich auch anregte diesen Schritt zu machen:

Ich habe beschlossen meine Bilder so zu bearbeiten, dass der Betrachter mit mir vor Ort sein kann, als ich das Bild gemacht habe. Es soll das wiedergeben was ich gesehen habe, keine (meist bessere) Version davon. Ich bin es leid geworden meine Bilder am Computer zu verschönern, etwas zu verstecken und zu kaschieren, den Sonnenaufgang goldener und den Himmel blauer zu machen. Mein Ziel ist es das Bild so zu zeigen wie es damals vor Ort gewesen ist. Ich möchte die Leute auf meine Reisen mitnehmen und Ihnen zeigen, wie es dort ist und nicht was man daraus machen kann. Das heisst nicht, dass ich keine Bearbeitung mehr vornehme. Das RAW zeigt nicht die Wirklichkeit, dafür hat das Auge einen viel zu hohen Dynamikumfang. Somit arbeite ich fast ausschliesslich mit Kontrasterhöhung, Abdunklung und Aufhellung, da ich der Meinung bin das das Auge vor Ort auch fähig ist diese Anpassungen vorzunehmen, je nachdem welchen Bildausschnitt es anschaut. Bei extremen Lichtverhältnissen hält man sich die Hand über die Augen und blinzelt um besser zu sehen, da finde ich es legitim diese Dinge auch in einem Bild festzuhalten. Wenn alle Anpassungen gemacht sind muss man zwangsläufig praktisch alle Farben entsättigen, da sie mit höherem Kontrast auch stärker werden. Dann kommt das RAW ins Spiel: Ich erstelle meist 2 Kopien und dunkle im einen Bild die hellen Bereiche ab, damit die Farben gut sichtbar werden. Dasselbe gilt für die dunklen Bereiche. Die helle ich auf damit ich erkennen kann wie viel von welcher Farbe vorhanden ist. Ich halte mich beim entwickeln so genau wie möglich an die Farben, die im RAW zu sehen sind. Dabei geht es in erster Linie um die Sättigung aber natürlich auch um den Farbton. Der Weissabgleich ist natürlich so eine Sache. Ich arbeite im Automatikmodus und vertraue auf die Genauigkeit ebendieser. Je dunkler es wird desto schwieriger wird es für die Kamera präzise zu arbeiten. Somit muss ich trotzdem ab und zu den Weissablgleich verändern damit die Stimmung eher dem Gesehenen entspricht. Ich weiss, dass meine Kamera von der Werkseinstellung her etwas zu blau fotografiert, somit erhöhe ich den Kelvinwert teilweise um max. 300. Jeder hat zu Hause einen anderen Bildschirm und somit auch eine andere Farbwiedergabe. Das Argument daraus zu schliessen, dass es ja egal ist wie genau man sich an die Wirklichkeit hält und obendrauf jede Person Farben anders wahrnimmt, finde ich persönlich zu wenig stichhaltig. Mein EIZO arbeitet hoffentlich auch in diesem Bereich genau.

Für mich als Fotograf heisst das noch viel kreativer zu arbeiten. Die Bildkomposition wird viel wichtiger wenn man weniger mit Farben punktet. Schon ein JPEG (somit auch das Vorschaubild in der Kamera) hat intensivere Farben als ein RAW, das akzeptiere ich und gebe da vielleicht auch etwas weg. Um wie viel es sich handelt muss ich noch herausfinden, eventuell werde ich wenn ich Klarheit habe,  die Farben wieder etwas erhöhen. Eventuell hat jemand von euch da auch Richtwerte, da wäre ich froh um einige Tipps. So ist das eben wenn man einen neuen Weg einschlägt. Ich denke für mich ist es der richtige.

Es war teilweise hart zu sehen wie meine „schönen“ und toll aussehenden Bilder plötzlich einen grossen Teil dessen verloren haben was das Bild ausgemacht hat. Ich musste mich von gesetzten Radialfiltern verabschieden die den Sonnenschein auf die Wiese gezaubert haben. Die schöne lila Stimmung über der Eislagune war dahin, die intensiven Farben in den Wolken nur noch ein Schatten ihrer selbst. Und trotzdem, plötzlich war sie da: Die Erinnerung an den Moment. Die Erinnerung wie das damals war, versteckt unter den Farbschichten die ich langsam abgetragen hatte. Der Moment ohne Make-up sondern das reale, das was bleibt wenn die Show vorüber ist. Es fühlte sich toll an!

Das Bild links zeigt wie ich meine Bilder in Zukunft bearbeite, rechts ein älteres Bild wie ich das früher gemacht habe.

Gleichzeitig gewinnen die wirklich schönen Stimmungen die man erlebt hat viel mehr an Wert. Wenn der Himmel wirklich gebrannt hat und die Wolken in der Abendstimmung violett leuchten. Die Fotos werden dadurch sehr viel vielseitiger und unterschiedlicher.

Hier ein Vergleich zwischen RAW links und bearbeitet rechts. Die Helligkeit der Farben sind unterschiedlich, nicht aber der Farbton und die Sättigung. Man hätte sicher den Fels im Vordergrund noch mehr aufhellen können, wenn man den Dynamikumfang des Auges berücksichtigt. Aber irgendwann leidet der Kontrast.

Dadurch geht auch der Stil des Fotografen was die Farbgebung anbelangt fast gänzlich verloren, was Werbetechnisch sicher ein Nachteil ist. Eine spezifische Bearbeitung der Bilder hat einen extrem hohen Wiedererkennungswert.

 

Ein Traum in Roppel Gelb und Antenore Rosa/Blau, aber eben etwas weniger Wirklichkeit 😉

(Nicht böse sein liebe Fotografen, mir hat das Wortspiel gefallen. Ich like eure Bilder vor allem wegen der super Bildideen und der Komposition und  auch wegen der wirklich hochstehenden Technik in der Bildbearbeitung)  Somit versuche ich in Zukunft noch mehr auf die Bildkomposition zu setzten um vielleicht dadurch „erkannt“ zu werden.

Ich weiss, dass sicher auch mein Bild ein Abbild ist. Niemand kann die Realität festhalten und die Wahrheit für sich pachten. Ich kann mir aber Mühe geben und es zumindest zu versuchen.

Ich bin ein Abenteurer. Ich bin auch Fotograf, aber vor allem ein Reisender der erlebt und beobachtet, sich etwas wagt, ausharrt und geniesst. Einmal ist es ein wahnsinns Tag der nächste ist wolkenverhangen. Das ist die Laune der Natur und ich möchte nichts mehr an meinen Fotos ändern, was eben nicht da war.

In einem Kommentar zu einer Diskussion um ein Bild von Stefan Forster war in etwa Folgendes zu lesen: „Wir  können halt nicht so viel Reisen wie du (Stefan) und deshalb nicht immer die schönsten Stimmungen erleben.“ Das war die Begründung wieso diese Person die Bilder im Nachhinein „etwas“ anpasst, weil es eben nicht so schön war wie erhofft. Alle wollen doch den Topshot und ein paar kreieren ihn sich zu Hause. Die Bilderflut der wir ausgesetzt sind suggeriert ja genau das: Alle haben Schwein mit dem Wetter und wenn ich dort bin ist alles so blass, da helfe ich nach. Die arbeiten ja eh alle mit Photoshop und Lightroom, das macht man heute so, sonst sieht sich ja eh keine Sau meine Bilder an und kriegt keine Likes. Natürlich kann man ja auch die Meinung vertreten dass es heute halt eben möglich ist Bilder auf so einfache Weise extrem zu verändern. Das sei ja rückständiges Verhalten wenn man die neuen Technologien nicht nutzt. Jeder hätte das auch früher schon getan wenn die Möglichkeit bestanden hätte. Es macht ja auch grossen Spass zu sehen, was man aus einem Bild alles herausholen kann. Für mich stellen sich an diese Stelle ein paar Fragen: Will ich mit Hilfe der Fotografie ein Kunstwerk erschaffen? Bin ich Künstler der mit dem Medium Fotografie arbeitet? Bin ich jemand der die Landschaften dieser Welt dokumentiert? Jemand der Momente festhält?

Ich denke viele Leute sind von den Kunstbildern fasziniert und schreiben das auch teilweise den Fähigkeiten der Fotografen zu was eine weiterer Kommentar zeigt, den ich vor kurzem gelesen habe.“Bitte schreibt doch hin wenn ihr das Bild stark bearbeitet habt. Ich habe nämlich immer das Gefühl nur ihr erlebt solche Stimmungen“

Social Media dreht sich um Vernetztheit um sich zur Schau stellen, um aufzufallen, um Aufmerksamkeit, um Bestätigung. Man zeigt seine beste Seite, will Erfolg haben. Dies hat sehr viel mit Werbung in eigener Sache zu tun. Nun ist es ja jedem klar, dass Werbung und Kommerz am besten funktioniert wenn man übertreibt, kaschiert, Traumwelten und Begebenheiten erschafft, die anziehen und faszinieren. Dies ist überall so, in der Autowerbung wie in der Musikbranche. Das Konzept hat Erfolg. Bearbeite ich ein Bild so, dass es gefällt oder das es mir gefällt?

Ich habe mich entschieden dort abzukoppeln. Dies ist ein happiger Schritt, da ich um den Erfolg des Konzeptes Werbung weiss und dafür einige Dinge aufgebe. Aber ich will den Leuten nicht eine polierte Version der Wirklichkeit unterbreiten. Ich möchte versuchen Ihnen eine möglichst nahe Form der Wirklichkeit zeigen. Ich habe das schon früher gemerkt, als einer meiner grössten Berufswünsche in der Werbebranche zu Hause war. An einem Punkt kam ich mir vor wie der Leuteverarscher und genau das Gefühl hatte ich wieder nachdem ich jetzt 4 Jahre intensiv fotografiert habe. Es ist einfach nicht meine Art. Schon damals habe ich geschrieben, dass das Wichtigste an meiner Arbeit vor dem Drücken des Auslösers passiert. Ich habe diesen Vorsatz durch die Beeinflussung von anderen Fotografen und Plattformen aus den Augen verloren und besinne mich nun wieder zurück.

Links: bearbeitet vor 2 Jahren. Rechts: RAW

Unten: Schnellversion Bearbeitung heute

 

Ich werde in Zukunft mehr RAW Bildvergleiche posten und eventuell auch mal ein verfälschtes, künstliches Bild zeigen. Dies werde ich aber immer deklarieren und ihr könnt davon ausgehen, dass alle sonstigen Bilder meiner Philosophie entsprechen.

So, ich hoffe ich konnte euch einen Einblick geben, was mich in der letzten Zeit am meisten beschäftigt hat und welche Konsequenzen für mich daraus folgen. Schön wäre es wenn ihr eure Meinungen und Empfindungen zu diesem Thema irgendwie oder irgendwo öffentlich machen könnt, damit eventuell noch eine Diskussion angerissen werden kann. Ich fände es sehr spannend!

Geniesst das Wochenende und bleibt euch treu

Roman

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

    • Merci Andreas. Ich werde in Zukunft meine Erfahrungen damit kundtun! 🙂

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